Westrügen – Ummanz

Den westlichen Teil unserer Insel berühren viele Besucher leider zumeist nur auf dem Wege nach Schaprode, um mit der dortigen Fähre hinüber nach Hiddensee zu gelangen. Damit tut man diesem fruchtbaren Landstrich mit seinen idealen Revieren zum Wandern, Radfahren oder Angeln jedoch ganz sicher unrecht. Zwar kann die Gegend nicht mit endlosen Sandstränden aufwarten und auch mondäne Badeorte sucht man hier vergebens. Und doch gibt es auch hier eine ganze Reihe interessanter geschichtlicher Fakten und touristischer Sehenswürdigkeiten.

 

Verkehrstechnisch enorm wichtig war und ist zum Beispiel die Wittower Fähre unweit des Ortes Trent. Hier hindurch führte nämlich schon in alten Zeiten eine historische Handelsroute, die „Heringsstraße“. Auf ihr wurden die begehrten Fische von Wittow über Gingst und Samtens bis nach Stralsund geliefert und im Gegenzug umgekehrt allerlei Waren des täglichen Bedarfs. Heute gelangen mit modernen Fährschiffen Fußgänger und Autofahrer, ja sogar schwere Reisebusse, gefahrlos über den 350 Meter breiten Rassower Strom und ersparen sich so den Riesenumweg über Bergen und Jasmund.


Zentralort der Region ist Gingst, dessen ältester urkundlicher Beleg eine Abgabenquittung aus dem Jahre 1232 ist. Der landwirtschaftlich geprägte Siedlungsraum entwickelte sich recht früh zu einem Zentrum des Handwerks und Handels auf Rügen. In den historischen Handwerkerstuben und im Museum des Ortes werden anhand zahlreicher Bodenfunde und in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragener Exponate fast 50 Berufe aus jener Zeit dokumentiert, die hier anzutreffen waren. Angefangen von den Töpfern und Salzwerkern bis hin zu den Zünften der Schuhmacher, Schneider und Weber gab es im Mittelalter viele Dorfhandwerker, deren soziale Stellung immer besser wurde, je mehr sie sich vom alten Haupterwerb, der Landwirtschaft, lösen konnten. Und solange Gingst das Marktrecht hatte, genossen die einheimischen Handwerker Privilegien. Das bekamen sogar die reichen Händler aus Stralsund zu spüren, denen zeitweise das Handeln mit Tuch in Gingst untersagt war.

 

Durchaus bemerkenswert ist auch, dass im Jahre 1773, lange vor der Aufhebung der Leibeigenschaft auf Rügen durch den schwedischen König 1806, der damalige Pastor von Gingst, Johann Gottfried Picht, als erster auf Rügen seine Untertanen aus der Leibeigenschaft entließ.

 

Doch Gingst ist nicht nur für Museumsfreunde einen Abstecher wert. Denn von Mitte April bis zum Ende Oktober wartet hier der Rügenpark auf seine kleinen und großen Gäste. Auf 40.000 m² und eingebettet in eine gepflegte Parklandschaft erwarten den Besucher außer einem riesigen Nachbau der Insel Rügen mit ihren Sehenswürdigkeiten über 85 weitere sehr interessante Modelle, u.a. der Deutsche Reichstag, das Kolosseum Rom und Notre Dame. Der Clou: Mit der Parkeisenbahn „Emma“ kann der gesamte Rügenpark unter fachkundiger Erklärung erfahren werden – ohne einen Schritt zu tun! Für die Kids gibt es außerdem über 16 Attraktionen, von der Riesenrutsche und Familienachterbahn über Schaukeln, Hüpfburg bis hin zum Scooter. Und das Beste: Alles kann man so oft benutzen, wie man will.

 

Nur einen Katzensprung von Gingst entfernt liegt das kleine, zur Gemeinde Ummanz gehörende Örtchen Lieschow. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert, gäbe es da nicht Rügens erste und einzige Edeldestillerie (Info-Tel. 038305-55300). Deren Sitz ist eine historisch sanierte Scheune auf einem denkmalgeschützten Bauerngehöft. Aus heimischen Obstsorten wie Apfel, Birne, Pflaume und Kirsche werden hier edle, in Handarbeit gefertigte Obstbrände hergestellt. Trotz seines nostalgischen Flairs ist das dortige Brenngerät übrigens eines der modernsten in ganz Deutschland. Besucher sind jederzeit herzlich willkommen und können im Shop natürlich auch den einen oder anderen exquisiten Tropfen erwerben.

 

Hätten Sie gewusst, dass Rügens stille Nachbarinsel Ummanz mit ihren rund 20 Quadratkilometern die viertgrößte Insel Mecklenburg-Vorpommerns ist? Doch warum hört man so wenig von ihr? Nun, das rührt ganz sicher daher, dass Ummanz etwas umständlich zu erreichen ist und so gar nicht die herkömmlichen Klischees und Ansprüche an einen Badeurlaub auf Rügen erfüllt. Ummanz – das bedeutet weites flaches Land, Wiesen und Äcker, die sich kaum mehr als drei Meter über den Boddengewässern erheben. Die empfindliche Küste wird an vielen Stellen durch Deiche geschützt oder ist von einem dichten Schilfgürtel umsäumt.

 

Bis zum Bau der ersten hölzernen Klappbrücke im Jahre 1901 konnte man Ummanz nur mit einer Fähre erreichen. Und Elektrizität gab es hier sogar erst ab 1953! In den Hauptort der Insel, Waase, führt heutzutage eine 250 Meter lange Brücke. Die dortige Kirche, die im 15. Jahrhundert aus Backsteinen errichtet wurde, kann mit einem sakralen Kleinod ersten Ranges aufwarten. Es handelt sich um einen außergewöhnlich gut erhaltenen Antwerpener Schnitzaltar aus der Zeit um 1520, der in der Hansezeit über Stralsund hierher kam.

 

Dank seiner ungestörten Lage und des Reichtums an Naturschönheiten gehören Ummanz weite Teile Westrügens heute zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Hier nisten zahlreiche, teilweise extrem seltene Vogelarten. Und auch noch ein anderes Naturschauspiel zieht alljährlich im Frühjahr und Herbst viele Besucher an: der Vogelzug. Insbesondere tausende Kraniche machen Ummanz zu dieser Zeit zum Mekka der Naturliebhaber. Unter fachkundiger Führung kann man dann an Beobachtungstouren teilnehmen und sich so auf behutsame und verträgliche Art diesen beeindruckenden Großvögeln nähern. Bitte tun Sie, liebe Leser, durch Ihr verantwortungsbewusstes Verhalten alles, dass möglichst noch vielen Generationen nach uns diese einmalige Region mit ihrer natürlichen Vielfalt erhalten bleibt.