Bergen auf Rügen

„… In Bergen selbst ist nichts Merkwürdiges…“, schrieb nach seiner Rügenreise im Jahre 1796 der Philosoph Wilhelm von Humboldt in sein Tagebuch. Und auch heute noch könnte man bei oberflächiger Betrachtung denken, Rügens größte Stadt mit ihren rund 17.000 Einwohnern sei nicht mehr als das Verkehrs- und Einkaufszentrum der Insel. Doch damit täte man der Stadt, die 2013 ihr 800jähriges Jubiläum gefeiert hat, ganz sicher Unrecht, denn zumindest der liebevoll sanierte Klosterhof mit dem Stadtmuseum und den Handwerkerstuben, der tolle Rundumblick vom Ernst-Moritz-Arndt-Turm oder die Erlebniswelt am Rugard sind aus touristischer Sicht absolut empfehlenswert.


Bergen liegt rund 70 Meter über dem Meeresspiegel und ziemlich genau am geografischen Mittelpunkt Rügens. Der Name kommt aus dem Slawischen („Gora“=„Berg“), wurde später eingedeutscht und als Ortsname erstmals um 1318 bezeugt. Stadtrecht hat Bergen seit dem 30.06.1613, als der Bevölkerung die Urkunde über die Verleihung des Stadtrechtes verlesen wurde, die Herzog Philip Julius am 19.06.1613 unterzeichnet hatte.


Bereits vor der Eroberung Rügens durch die Dänen im Jahre 1168 befand sich hier die slawische Siedlung Gatmund mit einem Begräbnisplatz und einer Markt- und Gerichtsstätte. Die Siedlung gehörte zur Burganlage des Rugard (slaw. „Rügenburg“) auf dem Rugard-Berg (91m ü.NN). Das Gelände war damals noch unbewaldet und von allen Seiten einsehbar. Im letzten Drittel des 12. Jh. diente die Burg dem Fürsten Jaromar I. als Herrschaftssitz.


Unter dem Einfluss der dänischen Missionierung war es auch Jaromar I., der um 1180 den Bau der Marienkirche als Palastkirche (Pfalzkirche) beginnen ließ. Rügens älteste Kirche weist in ihrer Architektur sehr enge Beziehungen zur dänischen Backsteinkunst auf. 1193 stiftete der Fürst die Kirche dem Zisterzienser-Nonnenkloster, das sich unmittelbar neben der Kirche ansiedelte und Nonnen aus dem dänischen Kloster Roskilde beherbergte.


Ende des 14. Jh. wurde die Marienkirche zu einer gotischen Hallenkirche umgebaut. Der Turm stammt aus dem 15. Jh. Tiefgreifende Restaurierungen zwischen 1896 und 1902 brachten weitere Änderungen und Ergänzungen am Außenbau.


Das Innere der kreuzgratgewölbten Kirche wird von drei Stilepochen geprägt: Die bedeutenden Wandmalereien im Chor und Querschiff stellen das einzig erhaltene Beispiel einer spätromanischen Totalausmalung nach einheitlichem Programm in Norddeutschland dar. Sie wurden Ende des 19. Jh. freigelegt und zum Teil verfälscht wiederhergestellt. Heute bemüht man sich intensiv um die Rettung dieser Malereien.


Die Ausstattung der Kirche stammt mit Ausnahme der Granitfünte weitgehend aus der Zeit des Spätbarock: der Altar mit hölzernem Säulenaufbau und die Beichtstühle entstanden um 1730, die aufwändige Kanzel um 1775. Im Zuge der Restaurierung um 1900 kamen das Gestühl, die Emporen und die Orgel in die Kirche. Unter den erhaltenen Abendmahlgeräten ist ein romanischer Goldkelch das herausragende Stück. Der wertvolle Kelch befindet sich aber zumeist unter strengem Verschluss und wird nur zu ganz besonderen Anlässen gezeigt.


An der äußeren Westwand ist ein sehr interessanter Granitstein eingemauert, der ziemlich sicher auch der älteste Bestandteil der Kirche ist. Er zeigt einen stehenden Mann mit angewinkelten Armen im weiten Mantel und einer Mütze. Während man früher davon ausging, es handele sich um eine Darstellung des slawischen Gottes Svantevit, so wird der Stein heute eher als Grabstein des zum Christentum bekehrten Rügenfürsten Jaromar I. gesehen.


Bis zum Tod des letzten Rügenfürsten und bekannten Minnesängers, Witzlaw III. (gest. 1325), wurde Rügen unter starkem dänischem Einfluss von Bergen aus regiert. Erst dann fiel die Insel gemäß Erbvertrag an das Herzogtum Pommern. Die Burg auf dem Rugard verlor an Bedeutung und verödete, so dass heute nur noch der alte Burgwall existiert.


Der Landtag zu Treptow beschloss 1534 die Einführung der Reformation in ganz Pommern. Im Zuge der Säkularisierung der Klöster fiel das Bergener Kloster 1535 mitsamt seinem Grundbesitz und Inventar an den pommerschen Herzog, der es in eine „Zuchtschule für adlige Jungfrauen“ umwandeln ließ.


Aus jener Zeit, nämlich von 1538, stammen übrigens auch wesentliche Teile des ältesten erhaltenen Wohnhauses der Stadt, dem Benedix-Haus. Das auffällige Fachwerkhaus am Markt, unweit der im wilhelminischen Stil erbauten Post von 1891, beherbergt heute das Standesamt und die Touristeninformation.


Johann Jacob Grümbke (1771 Bergen – 1849 Bergen), Schriftsteller, Maler und Heimatforscher, schilderte sein Städtchen 1805 wie folgt: „…In der Ferne gewährt sie … von allen Seiten einen vorteilhaften Anblick. Hier ruhen Häuser auf einer Bergecke…, dort schweben blühende Gärten terrassenförmig übereinander…- sobald man aber den Ort selbst erreicht, wie sehr findet man sich getäuscht … holprige abschüssige Wege, schiefe, schlecht gedämmte, zum Teil ungepflasterte Straßen und Durchgänge, … höchstens mittelmäßige Häuser, die ohne Ordnung bald hier, bald dahin gesetzt sind… man glaubt, in die elendeste Landstadt gekommen zu sein, ein Glaube, in dem man dadurch, daß Bergen weder Mauern noch Tore hat, noch mehr gestärkt wird … und selbst der Marktplatz ist ungestalt und schiefwinklig.“


Ab 1830 wurde der Rugard auf Weisung des Fürsten Malte I. zu Putbus aufgeforstet; bis dahin gab es dort keinen Baumbestand. Zu Ehren von Ernst Moritz Arndt wurde 1877 auf dem höchsten Punkt ein 27 Meter hoher Aussichtsturm gebaut, der im Jahre 2002 anlässlich des 125. Geburtstages des in Groß Schoritz bei Garz geborenen Dichters, Patrioten und Publizisten übrigens eine schöne neue Glaskuppel erhielt. Der Aufstieg lohnt, denn von hier aus tut sich eine herrliche Rundsicht weit über die Insel Rügen bis hinüber nach Stralsund und Hiddensee auf!


Die erste Blütezeit des Fremdenverkehrs auf Rügen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. befruchtete auch das Leben in Bergen und rasch entstanden zahlreiche Hotels und Gasthäuser. In den Jahren 1848 – 1869 wurden die Straßenverbindungen nach Altefähr, Jasmund und Putbus befestigt. Ab Sommer 1883 verkehrten Züge von und nach Altefähr. Der Dammbau bei Lietzow war Voraussetzung dafür, dass am 01.07.1891 die Bahnverbindung nach Saßnitz aufgenommen werden konnte. 1890 folgte die Verbindung nach Putbus-Lauterbach und 1896 die Kleinbahn-Strecke nach Altenkirchen.


Ein wichtiger Sohn der Stadt darf bei unserem kleinen geschichtlichen Exkurs nicht unerwähnt bleiben. Wenn Sie, lieber Leser, heute durch Bergen bummeln, entdecken Sie nämlich in der Billrothstraße ganz sicher auch ein schmuckes Haus mit einer Gedenktafel für den hier 1829 geborenen Arzt, Forscher und Hochschullehrer Christian Albert Theodor Billroth. Er studierte Medizin und arbeitete an der chirurgischen Klinik in Wien ab 1867 als Operateur. Billroth erlangte 1881 durch die erste erfolgreiche Magenresektion Weltruhm.